DER TUNNEL

Roman

Bernhard Ganter

 

demnächst bei Spielberg Verlag

 

In das Manuskript "Der Tunnel" habe ich nicht nur "reingelesen", sondern es in meinem Kurz-Urlaub Anfang Januar in einem Zug gelesen. Es hat mir wirklich gut gefallen - spannend, atmosphärisch dicht geschrieben und mit einem grandiosen Einfühlungsvermögen in das Schicksal eines Außenseiters, der mir beim Lesen regelrecht näher gekommen ist.                    Sabina Dannoura Journalistin, SZ/Kultur

 

Leseprobe

                                                                                                                                                                                                                                                                      

 

 

Golf aktuell von Chefredakteur Fred König, Ausgabe Mai 2008)

Sonderling

Was der Schriftsteller Bernhard Ganter („Das Jahr der Rosen") meisterhaft beherrscht: die Beschreibung ganz besonderer Charaktere, oftmals Außenseiter, abgründig und doch menschlich. Auch in seinem neuen Roman „Der Tunnel" beschäftigt ihn wieder ein Mensch am Rande der Gesellschaft: der Dorftrottel Josef Staudinger, der in seiner Dorfgemeinschaft nichts zu lachen hat und langsam aber sicher seinen ganz eigenen Weg geht, dabei die Absurditäten seiner Mitmenschen offenbart und schließlich auf einen dramatischen Höhepunkt zusteuert. Bernhard Ganter: Der Tunnel (Roman), Lerato Verlag, ISBN 978-3-938882-72-6, Preis 9,95 Euro

 

Süddeutsche Zeitung/ Kultur, 4. Februar 2008, von Sabina Dannoura

 

Antihelden dominieren das Werk des Autors - Sehnsüchte und Nöte eines Ausgestoßenen

In Bernhard Ganters „Der Tunnel“ taucht der Leser mehr und mehr in die Welt des Sonderlings Joseph ein

 

  „Wenn zwei das Gleiche tun, ist es noch lange nicht dasselbe.“ Diese schmerzliche Erfahrung muss Joseph Staudinger sein Leben lang machen. Zuhause, in dem kleinen Bergdorf in den Berner Alpen, nimmt den 50-Jährigen keiner ernst. Denn Joseph ist einfältig, naiv, etwas zurückgeblieben, eben der Dorftrottel. „Deine Meinung interessiert niemanden“, „“lass mir meinen Frieden“, „belästige die Leute nicht“: Solche geringschätzigen Bemerkungen hört der Junggeselle tagaus und tagein.

Menschen, wie Joseph Staudinger wird höchstens Mitleid entgegengebracht. Sie mögen geduldet sein, werden aber nicht als  gleichwertig anerkannt. Das macht Bernhard Ganter in seinem neuen Roman „Der Tunnel“ auf eindringliche Weise evident. Dabei überwindet der Leser zusehends die innere Distanz zu dem Sonderling, er kommt dessen Gefühlswelt, Ängsten und Hoffnungen nahe. Aus Mitleid wird Mitgefühl, echte Anteilnahme. Ein fesselnder Prozess, den Bernhard Ganter auf knapp 150 Seiten inszeniert.

 Außenseiter und Antihelden sind die bevorzugten Protagonisten und Themen in den Romanen des Autors. „Mich interessieren Menschen, die unten sind in unserer Gesellschaft, die nicht Wahrgenommenen“, sagt er. Einer solchen Person hat Ganter in seinem neuesten Werk ein Denkmal gesetzt: Joseph Staudinger, dessen Lebensinhalt es 30 Sommer und Winter lang war, einen Tunnel der Schweizerischen Bundesbahn zu kontrollieren.

„Die ganze Welt war für ihn ein Tunnel, ein großes, schwarzes, überriechendes Maul, das ihn zu verschlingen drohte“, beschreibt Ganter den Arbeitsplatz von Joseph. Dort kann er seine einzige Fähigkeit unter Beweis stellen: Er hört beim Klopfen auf die Schienen am Klang, ob sie Risse haben. Doch dafür hat man nun keine Verwendung mehr, Technik ersetzt den Streckenposten.

 An dem Tag, als ihm mit der Kündigung sein Lebensinhalt genommen wird, trifft er „die Araberin“. Lang gehegte Sehnsüchte scheinen sich zu erfüllen. Eigentlich gehört Aisha, die junge Schöne, dem reichen Tunesier, der jeden Winter mit seinen zwei Haremsdamen zum Skifahren in den Nobelkurort reist.

Auf der Hinfahrt verschwindet sie, im Tunnel. Ist Aisha geflüchtet und hat sich bei Joseph verkrochen? Schließlich ist der im Liebestaumel, wagt sich sogar in die Stadt, um die Araberin hübsch einzukleiden. Ganter legt immer wieder neue Fährten aus – und präsentiert einen überraschenden Schluss, der Gänsehaut hinterlässt.

In diese dramatische Detektivgeschichte eingebettet ist das Soziogramm eines Bauerndorfs: Der Autor beschreibt in schnörkelloser Sprache die brutalen Unterdrückungsmechanismen, denen Joseph schon als Kind ausgesetzt war. Wie er als pubertierender Bub linkisch die Nähe zum anderen Geschlecht suchte und von der Dorfgemeinschaft verstoßen wurde. Wie ihn heute die Stammtischbrüder demütigen und ausgrenzen.

Allmählich durchschaut der Leser, wer die tatsächlich Einfältigen sind. Eine großartige Lektüre, spannend wie ein Krimi und gleichzeitig ein feinfühliger Entwicklungsroman.

Sabina Dannoura (Süddeutsche Zeitung/ Kultur)

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"Ich will Menschen sensibilisieren" SZ-Gespräch mit Bernhard Ganter, den das Los des Dorftrottels mehr interessiert als die Schönen und Reichen

SZ-Interview: Sabina Dannoura

Bernhard Ganter macht in seinem neuen Roman "Der Tunnel" einen Dorftrottel zum Helden. Dabei griff er einen realen Fall auf, um Mechanismen der Unterdrückung und Gefühllosigkeit sichtbar zu machen.

SZ: Ich zitiere den letzten Satz Ihres Buches: "Joseph Staudinger gab mir seine Geschichte. Ich gab ihm dafür den Stein mit der Inschrift". Es gibt also ein authentisches Vorbild?

Ganter: Der Grabstein für Joseph ist ein fiktiver. Aber es gibt einen Ort in den Berner Alpen mit einem sogenannten Dorftrottel - und dorthin kam immer ein Tunesier mit seinen zwei Frauen zum Wintersport. Eine habe ich ihm in meiner Geschichte weggenommen und Joseph zugeschrieben, der sich eine Frau wünschte.

SZ: Joseph Staudinger ist nicht der erste Antiheld in Ihren Romanen. Warum nehmen Sie sich gesellschaftlicher Randgruppen an?

Ganter: Weil ich meine Leser sensibilisieren will. Man blickt gerne auf Sonderlinge herab, macht sich über sie lustig. Mich interessieren diese Menschen und nicht die "beautiful people". Ich finde psychologische Geschichten spannend, die der Frage nachgehen: Warum passiert das und warum gerade so? Natürlich verfolge ich mit meinen Büchern auch ein Stück Sendungsbewusstsein. Nur schreiben um des Schreibens Willen, könnte ich nicht.

SZ: Ihre Sympathie gilt also Außenseitern"

Ganter: Das ist vielleicht die zweite Seite in mir ... Im Ernst: Dorftrottel wie Joseph sind in Einöd-Dörfern immer noch zu finden, genauso wie die Stammtischbrüder, die mit ihren Sprüchen und ihrer überheblichen Art ihr eigenes Unvermögen übertünchen.

SZ: Arbeiten Sie an einem neuen Projekt?

Ganter: Ja. Ich stelle aber fest, dass der Roman sich verändert, während ich an ihm arbeite. Das passiert mir öfter. Momentan beschäftige ich mich mit einem Politthriller. Der Titel: "Das Experiment".

SZ: In Ihrem Thriller "Herzlos" griffen Sie das Thema Organspenden auf. Worum geht es dieses Mal?

Ganter: Um die Frage, ob das Gute ohne das Böse existieren kann. In einem fiktiven Staat wir das Verbrechen ausgerottet - und dann  schauen wir mal, was passiert.

SZ-Interview: Sabina Dannoura

Freisinger Tagblatt/ Münchner Merkur, Kultur - 22. Februar. 2008                          

von Yvonne Henninger

Die einen ziehen sich freiwillig von der Welt zurück, die anderen werden dazu gezwungen. Dorfdepp Joseph Staudinger gehört zur zweiten Kategorie. Er ist die Hauptfigur von Bernhard Ganters neuem Roman „Der Tunnel”.

Außenseiter gibt es viele in Ganters neuestem Werk, das demnächst erscheint. Rund um die Hauptperson Joseph Staudinger ist die Welt alles andere als in Ordnung. Seine Mutter hat sich freiwillig in sich zurückgezogen, um die Ungerechtigkeiten des Vaters gegenüber dem Sohn ausblenden zu können. Ausländer sind im kleinen Schweizer Bergdorf, in dem Ganter die Geschichte spielen lässt, nur gerne gesehen, wenn sie Geld bringen. Und Staudinger ist lediglich dann in der Dorfgemeinschaft willkommen, wenn die anderen einen Grund zum Lachen suchen. Denn schon seit seiner Kindheit ist er der Dorfdepp.
Seiner Naivität hat Staudinger, der eigentlich mit einem absoluten Gehör hoch begabt ist, seine undankbare Rolle zu verdanken ­und im Laufe der Jahre hat er gelernt, sie perfekt zu spielen. Er hat auch den für einen Dorfdeppen passenden Beruf: Staudinger kontrolliert täglich einen Eisenbahntunnel.
Doch dieser ist für ihn mehr als nur sein Arbeitsplatz: Er ist gleichzeitig Rückzugsort und ein bisschen Zuhause. Und ausgerechnet das alles soll er verlieren. Die Bahn schickt ihn mit 50 Jahren in Pension, nachdem er sich drei Jahrzehnte lang mit Herz und Seele um „seinen” Tunnel gekümmert hatte. Die nun düster erscheinende Zukunft wird aber unvermittelt rosig, als Aisha in sein Leben tritt. Sie ist die Zweitfrau eines Arabers. Staudinger glaubt, sein „halbes Leben mit halben Freunden und halben Träumen endlich in eine andere Richtung bringen zu können.
Geschickt versteht es der Autor Bernhard Ganter, den Leser die Figur Joseph Staudinger näher zu bringen  und eine komplette Identifikation mit der Hauptperson doch zu verhindern. Fremd bleibt einem der Dorfdepp trotz aller Sympathie für ihn. Er hat auch etwas Unnahbares an sich. Durch seine negativen Erfahrungen mit der Umwelt hat er einen Wall um sich errichtet, den auch der Leser nicht ganz zu durchstoßen vermag. Staudinger wirft einen Blick als Außenstehender auf die Dorfgemeinschaft, und damit auch auf die Gesellschaft, zeigt deren Abgründe und Absurditäten. Diese Wahrheit ist nicht immer leicht zu ertragen. Faszinierend an der Figur Staudinger ist, dass immer der Wunsch bleibt, dazuzugehören.
Staudinger versucht, sich seine eigene Welt aufzubauen. Eine Welt, in der er verstanden wird. So sind die Spinnen, Käfer, Olme und Ratten, die im Eisenbahntunnel leben seine Freunde. ­ Sie werden ebenso gemieden wie er, sind eben so unverstanden wie Staudinger. In seiner Einsamkeit spricht er mit dem Ruitli, einer Schweizer Sagengestalt. ­ Mit ihm fühlt er sich eins. Und dann ist da eben noch Aisha. Ausgestoßen wie er selbst.
Besonders faszinierend sind die Momente, in denen Staudinger tiefe, philosophische Erkenntnisse preis gibt, nur um im nächsten Moment wieder kindlich naiv daher zu kommen. Erst ganz am Ende verdichten sich all diese Fragmente zu einem unerwarteten Höhepunkt, der den Leser ganz unvermittelt mit einem Schauer des Schreckens entlässt.
                                                                                                      Yvonne Henninger (Freisinger Tagblatt/ Münchner Merkur)